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Therapeutische Hyperthermie in der Onkologie: Ein Ausblick

 

Erstveröffentlicht in: Die Naturheilkunde – Geist und Gehirn

Gastbeitrag von Dr. Wilfried Stücker

 

Die Hyperthermie ist bekanntlich eines der ältesten Therapieverfahren, deren Grundlage die Erfahrungsheilkunde ist. Neben der Idee Fieber zu initiieren und damit Heilungsprozesse im Allgemeinen zu fördern, gibt es auch im onkologischen Therapiesetting die Möglichkeit mit lokal applizierten hohen Temperaturen auf physikalischem Wege Zellen zu zerstören. In diesen Fällen spricht man von thermisch-ablativen Verfahren, also im weitesten Sinne von chirurgischen Maßnahmen mittels Hitze. So reiht sich die Hyperthermie als ähnliches Prinzip zusammen mit der Chirurgie, der Strahlen- und Chemotherapie in den Kanon der bekannten onkologischen Therapieverfahren ein.

 

Onkologische Therapien – Die Zukunft hat bereits begonnen

Wer heute an einer bösartigen Tumorerkrankung erkrankt, der kann die Standardtherapien Chirurgie, Bestrahlung und Chemotherapie in Anspruch nehmen. Seit 60 Jahren wird versucht, den Krebs mit Chemotherapie in immer wieder neuen Kombinationen und unterschiedlichen Dosierungen zu behandeln. Bei einigen Krebsarten, wie beispielsweise den hämatologischen Tumorerkrankungen, wurden auch Erfolge erzielt. Allerdings stellen sich in der Behandlung von soliden Tumoren diese Erfolge nicht wie erwünscht ein, denn die grundlegende Idee der Chemotherapie basiert auf der Vergiftung von Tumorzellen. Doch diese unterscheiden sich gar nicht grundlegend von gesunden Zellen, daher kommt es im Rahmen einer systemischen Vergiftung (Chemotherapie) zu „Kollateralschäden“, die für Nebenwirkungen verantwortlich sind. Wird dieses Therapieprinzip längere Zeit eingesetzt, sind im Wesentlichen zwei Phänomene zu erwarten: Entweder verträgt der Patient die Behandlung nicht mehr oder der Tumor wächst trotz Chemotherapie weiter. Deshalb ist die Forschung seit langem auf der Suche nach neuen Strategien. Mit einigen Hyperthermieverfahren wollte man die bisherigen zelldestruktiven Therapiestrategien optimieren nach dem Prinzip: Je höher die Temperatur, desto besser die Therapie.

 

Wegweisende Erkenntnisse aus der Tumorbiologie

In den letzten Jahrzehnten wurden die Mechanismen in der Tumorbiologie immer weiter entschlüsselt, sodass wir heute in der Lage sind, diese Erkenntnisse immer besser in therapeutischen Verfahren umsetzen zu können. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass jeder solide Tumor einmalig ist und sich aus unterschiedlich mutierten Tumorzellen zusammensetzt. Früher bestand noch die Annahme, dass eine Zelle zur bösartigen Zelle mutiert und sich dann immer weiter kopiert: Wäre eine Tumorzelle bekannt, so sei der gesamte Tumor bekannt. Doch diese Annahme erwies sich als falsch. Ein Tumor setzt sich aus einer Vielzahl unterschiedlich mutierter Zellen zusammen, er ist ganz individuell. Diese Erkenntnis ist für neuere Therapieansätze wie zielgerichtete Target-Therapien frustrierend und erklärt in vielen Fällen die kurze Wirksamkeit dieser Therapieform bei soliden Tumoren. Denn ein Tumor bereitet schnell andere Bahnen für das weitere Tumorwachstum, wenn ein Weg zielgerichtet blockiert wurde.

 

Mit den gewonnenen Einsichten aus der Tumorbiologie konnten auch die Funktionen des Immunsystems und dessen Rolle beim Tumorwachstum immer besser verstanden werden. Daraus entwickeln sich neue therapeutische Optionen, bei denen eine Verbesserung der Lebensqualität und des Langzeitüberlebens der Patienten mit soliden Tumoren beobachtet wird. Neue Ansätze kamen lange Zeit erst nach Ausschöpfung der etablierten Therapieregimes zur Anwendung. Aktuell wurde erstmals eine Antikörper-Therapie (PD-1-Inhibitor), die das Immunsystem bei soliden Tumoren unterstützt (etwa eine Untergruppe des Bronchialkarzinoms), für die Ersttherapie zugelassen. Die Ergebnisse stimmen sehr zuversichtlich.

 

Die Zukunft der Hyperthermie in der Onkologie

Gesundheit wird vom Organismus idealerweise selbst aufrechtgehalten, hierfür ist ein potentes Immunsystem zuständig. Mit zunehmenden immunologischen Erkenntnissen verstehen wir diese Mechanismen immer besser, dasselbe gilt auch für die Effekte der therapeutischen Hyperthermie. Wir müssen erreichen, dass das Immunsystem mithilfe einer physiologischen Temperaturerhöhung allgemein aktiver wird und zudem spezifischer Tumorzellen angreifen kann. Das Ziel ist es, die Tumorzellen für das Immunsystem als anzugreifende Zielstruktur sichtbar zu machen. Die Tumorzellen müssen immunogen werden.

 

Ein allein gutes Immunsystem kann nur einem bereits etablieren Tumorwachstum dienlich sein, denn einmal etablierte Tumorzellen gehören zu den körpereigenen Zellen und das Immunsystem muss allen körpereigenen Zellen dienen und darf sie nicht angreifen! Es reagiert lediglich auf fremde Strukturen wie etwa Neoantigene oder auf Gefahrensignale wie etwa Mikroorganismen. Werden Tumorzellen mit hohen Temperaturen sofort zerstört, so können sie dem Immunsystem nicht mehr als Antigen zur Verfügung stehen. Werden dagegen Tumorzellen physikalisch gestresst, dann erzeugen sie immunogene Strukturen, die bis zum immunogen Zelltod führen. Heute werden diese Strukturen als immunogene Mikropartikel und als Exosome bezeichnet und intensiv beforscht. Diese Zellstrukturen können aus dem peripheren Blut für diagnostische und therapeutische Verfahren isoliert werden. Diese Isolationsverfahren (liquid biopsy) werden gegenüber den bioptischen Verfahren an Bedeutung gewinnen. Die alleinige Biopsie kann naturgemäß nicht der Heterogenität des Tumorgeschehens gerecht werden.

 

Zelluläre Immuntherapie gegen solide Tumoren

Die zelluläre Immuntherapie ist in der Lage, spezifisch individuelle Tumorzellstrukturen ins Visier zu nehmen. Diese neuartigen Therapien stellen eine zusätzliche vielversprechende Option für Patienten mit soliden Tumoren dar, die mit den etablierten Therapien bisher nicht ausreichend behandelbar sind. Für diese Therapieform wird ein Teil des Immunsystems des Patienten (Immunzellen aus einer Blutprobe) im Labor behandelt, damit dort Informationsprozesse ablaufen, die im Körper nicht ausreichend gegeben sind. Zur Information der Immunzellen können operativ entferntes Tumormaterial oder auch mittels Hyperthermieverfahren und onkolytischen Viren induzierte immunogene Mikropartikel genutzt werden.

 

Multimodale Therapieoptionen

Das Zusammenwirken verschiedener synergistischer Therapieverfahren führt bei so einem komplexen Geschehen wie einem malignen Tumorwachstum zu besseren Ergebnissen. So können neben den neuen immunologischen Therapieoptionen auch Chemotherapien und Strahlentherapien zur Erzeugung von Neoantigenen dienen. Die Vorgehensweise von multimodalen Therapieverfahren zeigte sich effektiv beim Einsatz von Strahlen- und Chemotherapie, bei Chemotherapeutika-Kombination in der Onkologie, bei Antibiotika-Kombinationen in der Infektiologie und bei antiviralen Therapien für HIV und Hepatitis. Somit sehe ich die therapeutische Hyperthermie auch in der Zukunft als nützlichen Baustein in der modernen Tumortherapie, der immunologischen Therapie. Wir haben noch viel vor, um weiterhin die neuen Erkenntnisse zum Wohle der Patienten nutzbar zu machen. Unterstützen Sie die Deutsche Gesellschaft für Hyperthermie e.V. dabei – und nutzen Sie das diesjährige Hyperthermie-Symposium in Berlin zum kollegialen Austausch.

 

Autor:

Dr. Wilfried Stücker

Schatzmeister der Deutschen Gesellschaft für Hyperthermie e.V.

E-Mail: info@iozk.de

 

 

 

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